Weiterbildung oder Viehhandel? Bildungspraxis bei der ARGE

Vielleicht wissen Sie bereits, wie das Thema Weiterbildung bei der Arbeitsagentur gehändelt wird – man hört ja oft genug Erfahrungsberichte von Betroffenen (man könnte hier glatt das Wort „Opfer“ in den Raum stellen). Arbeitslose, die als nicht vermittelbar gelten, werden in Bildungsmaßnahmen bei Bildungsträgern gesteckt, die für sie kaum relevant sind. Oder wie groß schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass sich ein Arbeitsloser, der schon über 50 Jahre alt ist, selbständig macht und daher unbedingt ein Existenzgründerseminar benötigt? Natürlich kommt das vor – aber die Regel ist es nicht. Wir vom Gründerlexikon waren früher für einige Bildungsträger als Dozenten tätig und haben dabei teilweise Schockierendes erlebt.

Bild: I-vista / pixelio.de

Wen interessiert schon die Zielgruppe?

Leider wird bei der ARGE nicht etwa gezielt ausgewählt, welche Bildungsmaßnahme für einen Arbeitslosen tatsächlich sinnvoll wäre. So kam es, dass wir uns eines Tages Arbeitslosen der Zielgruppe 50plus gegenüber sahen, die in erster Linie eine Übergangsregelung bis zur Rente suchten – nicht aber die Möglichkeit, sich selbstständig zu machen. Erst fuhren wir noch unser geplantes Programm, doch merkten schnell, dass sich keiner der Teilnehmer dafür interessiert.

Also dachten wir uns: Warum sollen wir nicht alle etwas von diesem „Kurs“ haben und haben das Thema spontan geändert. Ab dem zweiten Tag erklärten wir stattdessen Wissenswertes zur privaten Steuererklärung und beantworteten die Fragen der Anwesenden – und schon konnten wir uns deren Aufmerksamkeit sicher sein. So hatten wenigstens auch alle etwas vom Kurs.

Ähnliche Erfahrungen machten wir mit schwer vermittelbaren Jugendlichen, die nach dem Abschluss oder noch besser Abbruch ihrer Schulkarriere auf alles Lust hatten – nur nicht auf Arbeit!

Es geht wie immer nur ums Geld…

Bei den Bildungsträgern geht es leider in keinster Weise darum, Menschen zu Bildung zu verhelfen. Ziel ist es vor allem, den Obersten die Taschen zu füllen. Deshalb werden die Dozentenhonorare so niedrig wie möglich angesetzt und die Kurse notfalls mit aller Gewalt mit Teilnehmern „vollgestopft“. Auch bei der IHK wird dies gerne praktiziert, wir berichteten darüber im Artikel „Opens internal link in current windowWas kostet ein Existenzgründerseminar bei der IHK?“.

Wie ein Stück Vieh

Einst hatten wir die Gelegenheit, ein Gespräch zwischen einem Mitarbeiter der Arbeitsagentur sowie Dozenten und Führungskräften eines Bildungsträgers mitzuhören. Man unterhielt sich darüber, wie man wohl in Zukunft die Zusammenarbeit gestalten könnte. Ganz offensichtlich ging hier alles nach dem Motto „eine Hand wäscht die andere“ – man schusterte sich gegenseitig die Aufträge und „Kunden“ zu. Die Arbeitslosen (die sich wohlgemerkt nur wenige Meter Luftlinie neben ihnen befanden) wurden mit Bezeichnungen betitelt, die weit unter die Gürtellinie gingen, und es wurde gelästert, was das Zeug hielt.

Wir fanden es schockierend, wie hier über Menschen hergezogen wurde – Menschen, die unter Umständen mit jeder Seminareinladung neue Hoffnung schöpfen und alle möglichen Schikanen auf sich nehmen, nur um den Einstieg wieder zu schaffen. Und genau diese Herren schacherten um diese Menschen wie über ein Stück Vieh, das ausgeschlachtet und dann verkauft werden soll.

Verbesserungsvorschläge? Unerwünscht!

Wir regten an, ob nicht einmal Kurse in der eCommerce-Richtung in das Seminarprogramm aufgenommen werden könnten – das Geld verdienen im Internet nimmt schließlich inzwischen wirklich einen nennenswerten Stellenwert ein. Doch dies wurde vom Mitarbeiter der ARGE direkt abgeschmettert. Es gäbe keine Förderung für einen solchen Kurs und die Teilnehmer verstünden das Thema ohnehin nicht. Stattdessen setzt man die Arbeitslosen lieber in das gefühlt hundertste Bewerbungstraining oder steckt gelernte Schreiner in Kurse über MS Office.

Hauptsache, den ARGE-Mitarbeitern geht’s gut

In dem Gespräch erfuhren wir auch, warum sich der Mitarbeiter der ARGE so sehr für die Arbeitslosen „einsetzte“. Er betrachtete seinen „Job“ bei der Arbeitsagentur eigentlich nur als Nebenverdienst, denn ER machte sein Geld schon lange im Internet. Wir empfanden und empfinden es nach wie vor als absolute Frechheit, dass solche Individuen auch noch dafür bezahlt werden, dass sie ihre Zeit absitzen und auch noch Kapital aus ihrer Tätigkeit schlagen, anstatt den gemeldeten Arbeitslosen zu helfen.

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