Risiko - fehlende finanzielle Reichweite von Unternehmen

Noch ein weiterer praktischer Aspekt: Sie benötigen auch die richtigen Zahlen. Als Finanzkennzahlen werden meist Umsatz, Gewinn, Deckungsbeitrag, Bankguthaben oder ähnliche verwendet. Das ist nicht unwichtig. Aber es fehlt noch etwas: Die finanzielle Reichweite.

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de

Nehmen Sie Folgendes an: Morgen würden aus irgendeinem Grund Ihre Umsätze auf 0 sinken. Wenn Sie ein Restaurant haben, hat vielleicht die Presse über die pelzigen Tierchen in Ihrer Küche berichtet (die vielleicht nur eine Erfindung der Konkurrenz sind). Wenn Sie medizinische Software herstellen, ist vielleicht gerade der dritte Patient durch Softwarefehler gestorben. Oder ein Anbieter aus China bietet plötzlich dasselbe wie Sie auf dem deutschen Markt an, nur zu einem Drittel der Kosten. Mit anderen Worten: Bis auf wenige Ausnahmeunternehmen können alle Unternehmen in die Situation kommen, dass von einem Tag auf den anderen die Umsätze radikal einbrechen.

Überlebensfähigkeit bei Umsatzeinbruch

Nehmen Sie deshalb also an, ab morgen hätten Sie keinerlei Umsätze mehr. Wie lange würde es bei gleichbleibenden fixen Kosten dauern, bis Sie die weiße Fahne schwenken müssten?

Tage? Wochen? Monate? Fakt ist: Eine finanzielle Reichweite unter 2 Monaten ist der Normalzustand bei den meisten kleinen und mittleren Unternehmen. Das ist Alarmstufe dunkelrot. Fast alle Maßnahmen wie Strategieveränderung, Kündigungen etc. dauern nämlich länger, bis sie sich in den Finanzen auswirken. Sie haben keine Zeit mehr zum Handeln.

Unter 3 Monaten ist Alarmstufe rot, unter 6 Monaten Warnstufe gelb. Und ab 6 Monaten könnten Sie sich zurück lehnen. 10 Monate sind ideal. Alles was darüber liegt, ist jedoch ein Anzeichen für übergroße Vorsicht oder fehlende Investitions-Phantasie.

Interessant ist die finanzielle Reichweite, weil sie nicht nur die Überlebensfähigkeit bei radikalen und schnellen Umweltänderungen drastisch erhöht, sondern weil sie auch Potenzial für wirkliche Verbesserungen des Unternehmens schafft.

Unerwartete Ereignisse einplanen

Ein weiterer Nebeneffekt ist die Umgehung einer sehr häufigen Wachstumsfalle. Angenommen, Sie haben zum Start Ihres Unternehmens 20.000 Euro liquide Mittel und monatliche fixe Kosten von 5.000 Euro, dann wäre Ihre finanzielle Reichweite 4 Monate. Ihr Unternehmen wächst und Sie reinvestieren nun sämtliche Gewinne. Nach einem Jahr haben sich zum Beispiel Ihre Umsätze und Kosten verdoppelt, Ihre liquiden Mittel sind aber gleich geblieben (sie haben diese ja reinvestiert). Das Ergebnis: Ihre finanzielle Reichweite ist auf 2 Monate gesunken. Wenn jetzt etwas halbwegs Unerwartetes passiert, haben Sie schon ein mächtiges Problem. Und wenn Ihre Umsätze und Kosten sich nochmals verdoppeln würden, dann wären Sie jedem unerwarteten Ereignis hilflos ausgeliefert. Diese "Bewegungsfähigkeit" erkennen Sie an der finanziellen Reichweite. Und die Maßnahme ist simpel: Legen Sie sich Ziele für Ihre finanzielle Reichweite fest, messen Sie diese monatlich und investieren Sie nur das strategisch Nötigste, wenn Sie unter diesen Wert fallen.

Erinnern wir uns nun nochmals an die Eingangsaussage: Geld ist eine Energieform neben anderen. Ähnliche Fragen können Sie auch bei anderen Energieformen stellen. Z.B. welche Fehler könnten Sie als Unternehmer machen, bis Ihre besten Mitarbeiter zu einem anderen Unternehmen wechseln? Oder: Wie viele potenzielle Mitarbeiter (also solche die gerne bei Ihnen arbeiten würden) haben Sie? (Tipp: Diese Zahl sollte etwa um den Faktor 50 größer sein als die Zahl an Mitarbeitern, die Sie tatsächlich im nächsten Jahr brauchen. Wenn Sie also nächstes Jahr so wachsen wollen, dass Sie 3 neue Mitarbeiter brauchen, dann sollten Sie etwa 150 potenzielle Mitarbeiter, die bei Ihnen arbeiten möchten, in einer Datenbank haben).

Oder: Wenn Sie jetzt Kapital bräuchten, wie viel würdenpotenzielle Investoren sofort investieren? Oder: Wenn Sie die Unterstützung der Öffentlichkeit bräuchten, wie viele Menschen wären spontan bereit, Ihr Unternehmen in irgendeiner Form zu unterstützen?

Es ist mir wohl bewusst, dass die meisten Unternehmer sich diese Fragen noch nie gestellt haben. Und dass sie bei den meisten dieser Fragen nur mit den Schultern zucken würden. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, ob Sie das zugrundeliegende Prinzip als nützlich ansehen und ab jetzt beginnen, solche Zahlen zu erfassen und sich regelmäßig diese Fragen zu stellen. Dann wird sich nämlich mittelfristig auch Ihr Handeln ändern.
Langfristig versus kurzfristig – Ihre Glaubenssätze

Praktische Maßnahmen langfristig planen

Natürlich sind sowohl das Kontenmodell als auch die Kennzahl der finanziellen Reichweite nur praktische Hilfsmittel. Diese werden immer wieder von den Unternehmern selbst sabotiert, wenn die Glaubenssätze nicht passen. Dann kommt nämlich unter Garantie "eine gaaaanz dringende Ausgabe" (oder gaaaaaanz wundervolle 'Investitionsmöglichkeit'), die alles über den Haufen wirft. Oder "gaaaaaaanz plötzlich" erlauben es die Umsätze nicht mehr. Oder was auch immer für Ausreden gefunden werden. Allerdings haben diese praktischen Mittel einen ganz tollen Vorteil: Sie bieten Ihnen eineÜberprüfung Ihrer Glaubenssätze. Halten Sie diese praktischen Maßnahmen über mehrere Jahre durch und haben sogar Freude daran, dann stimmen die Glaubenssätze wohl. Andernfalls wohl eher nicht.

Das heißt nicht, dass Sie die anderen Aufgaben des Unternehmers schlecht ausführen würden. Vielleicht haben Sie ein tolles Händchen für Strategie-Entwicklung oder Mitarbeiterauswahl. Aber es heißt, dass Sie mit Sicherheit keinen langanhaltenden Erfolg haben werden, weil Ihnen die Energie zumindest in ihrer finanziellen Form immer wieder entweichen wird.

Glaubenssätzen liegen bestimmte Motive zugrunde. Beim Umgang mit Geld ist es immer dies: Wer der kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung Vorrang vor der langfristigen Entwicklung einräumt, wird nie zu Vermögen kommen. Oder umgekehrt: Für denjenigen, für den der kurzfristige Schmerz des Verzichts auf Dinge größer ist, als der langfristige Schmerz, seine Ziele nicht zu erreichen, der wird immer arm bleiben. Und als Unternehmer nie etwas von Bedeutung schaffen.

Der Haken ist: Was uns am unmittelbarsten zu Handlungen motiviert, ist kurzfristiger Schmerz. Danach kurzfristige Freude, dann langfristiger Schmerz, dann langfristige Freude. Die Preisfrage ist also: Wie können Sie es schaffen, dass die langfristige Freude wichtiger wird als der kurzfristige Schmerz?

Sicher lässt sich über mentales Training einiges erreichen. Sie können die emotionale Bedeutung ihres langfristigen Traums verstärken und Sie können die Bedeutung kurzfristiger Schmerzen oder Ängste reduzieren. Der Weg der Wahl zur Änderung dieser Emotionen ist Storytelling (vgl. auch Unternehmersystem). Aber eines der effektivsten Instrumente ist auch hier: Den Verstoß gegen das, was langfristig die Freude bringen soll mit kurzfristigen Schmerzen zu verbinden. Das ist wie beim Fitness: Die kurzfristigen Schmerzen, durch die mich mein Trainer durchtreibt, bringen langfristigen Erfolg.

Die Strategie des Unternehmens muss stimmen

Durch eine Kombination aus praktischen Maßnahmen und einer Änderung Ihrer Glaubenssätze können Sie einen anderen Umgang mit Geld erlernen. Dies ist wichtig und zentral, führt aber langfristig nur zum Erfolg, wenn auch die Strategie Ihres Unternehmens stimmt. Auch die Entwicklung einer Strategie lässt sich lernen (vgl. Strategie und Positionierung für kleine und mittlere Unternehmen).

Persönlicher Nachtrag von Stefan Merath

In der öffentlichen Diskussion wird viel über Vermögende hergezogen. Mal abgesehen von den Managern (nicht Unternehmern!), die den (finanziellen) Vorschusslorbeeren, die sie bekommen haben, nicht gerecht wurden, handelt es sich meiner Einschätzung nach um eine völlig verfehlte Neid-Debatte.

Geld erhält man für seinen Beitrag zur Gemeinschaft – oder für den erwarteten Beitrag. Vor diesem Hintergrund ist es geradezu pervers, wenn Politiker und andere Grüppchen, die mit Geld nicht umgehen können, davon sprechen, die Wohlhabenden müssten der Gemeinschaft etwas "zurück geben". Als ob diese unterwegs etwas geschenkt bekommen hätten. Diejenigen, die wohlhabend geworden sind, haben ihren Wohlstand zumeist gerade dadurch erreicht, dass sie umgekehrt der Gemeinschaft etwas gegeben haben. Unternehmer, die der Gemeinschaft nämlich nichts geben, werden in der Regel ziemlich schnell mit der Pleite bestraft.

In Wahrheit gehören die, die wohlhabend wurden, zu den wenigen, die ihre Mittel in die Zukunft investieren, statt sie sofort zu konsumieren.

Und viele davon spenden auch gerne und viel. Nur nicht dem bürokratischen Filz. Nur nicht da hin, wo 90 Prozent der Ausgaben in Konsumtion (=kurzfristige Freude oder Schmerzvermeidung) fließen wie in unserem Staatshaushalt.

Will man eine psychische Ursache für den Niedergang großer Reiche ausmachen, so liegt sie immer darin, dass die Konsumtion im Vergleich zur Investition immer weiter zunahm. Die Menschen haben nicht nur ihre langfristige Vision verloren, sondern auch nichts mehr dafür getan (sprich nichts mehr investiert).

Aus dem Buch von Stefan Merath: "Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer"

Zur Verfügung gestellt von: unternehmercoach.com

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