Am von Torsten in Studien geschrieben
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Rentenversicherung

Studie zeigt: 81% aller Scheinselbstständigen falsch klassifiziert

Das Thema Scheinselbstständigkeit ist unter Selbstständigen derzeit hoch brisant. Politiker schaffen Gesetzesentwürfe, “zum Schutz der Selbstständigen”. Sie argumentieren, dass die meisten Selbstständigen doch lieber angestellt wären und das wollen sie mit diesem Gesetz durchsetzen. Doch empirisch belegbare Umfragen oder Studien gab es bisher nicht. Daher wurde vom 17.12.2015 bis 28.01.2016 erstmals eine umfassende Onlinebefragung durchgeführt.

Studie des VGSD zur Scheinselbstständigkeit
© vgsd.de

München, 23. Februar 2016 - Da Selbstständige derzeit unter Beschuss stehen, führte der VGSD (Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.) zusammen mit deskmag.com eine Befragung mit über 4.200 Personen zum Thema Selbstständigkeit und Scheinselbstständigkeit. Mehr als 3.500 Fragebögen wurden komplett ausgefüllt. Notwendig wurde diese Befragung, da bisher keine empirischen Studien oder Umfragen zu diesem Thema vorliegen. Natürlich ist auch diese Umfrage nicht absolut repräsentativ, doch sie liefert wichtige Argumente für die weitere Diskussion um die Verschärfung der Regeln gegen Scheinselbstständigkeit.

7 von 8 Gefängnisinsassen falsch verurteilt

Ein Ergebnis der Studie schockierte besonders: 81% aller derzeit als scheinselbstständig klassifizierten Unternehmer sind gar nicht scheinselbstständig. Der VGSD vergleicht diese Zahl damit, als wären in Deutschland 7 von 8 Gefängnisinsassen zu Unrecht verurteilt.

Ein dramatisches Ergebnis, wenn man bedenkt, welche Sanktionen auf die Betroffenen Unternehmer und Auftraggeber zukommen: Der Selbstständige erhält keine weiteren Aufträge mehr, der Auftraggeber muss für das laufende und die 4 zurückliegenden Jahren rückwirkend Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Selbst wenn nach jahrelangem Rechtsstreit feststeht, dass die Klassifizierung zu Unrecht erfolgte, werden Schäden nicht erstattet.

4 Highlights der Studie

Politiker sind der Ansicht, dass die meisten Selbstständigen eine Festanstellung wünschen. Stimmt das? Wie viele Unternehmer hatten Einbußen aufgrund von Rechtsunsicherheiten? Wie exakt ist das Statusfeststellungsverfahren der Deutschen Rentenversicherung? Hier einige Ergebnisse der Studie:

  1. Lediglich 6% der Solo-Selbstständigen und 1,4% der Selbstständigen mit Arbeitnehmern, wären lieber fest angestellt. (siehe: Überwältigende Mehrheit will selbstständig bleiben)
  2. 54% der Selbstständigen gaben an, dass sie bereits Einbußen bei ihrer Auftragsakquise aufgrund rechtlicher Unsicherheiten hatten. Jeder 5. Unternehmer bekam keine Aufträge mehr, weil der Auftraggeber verunsichert war. (siehe: Selbstständige verlieren aufgrund von Rechtsunsicherheit Aufträge)
  3. 81% der als scheinselbstständig eingestuften Unternehmer sind falsch klassifiziert. Zahlen weisen daraufhin, dass die Einordnung eher per Zufall bzw. Willkür erfolgt, als aufgrund festgelegter Kriterien und Richtlinien. (siehe: Statusfeststellungsverfahren führen zu willkürlichen Ergebnissen)
  4. Aktuell sind in einem Gesetzentwurf 10 Kriterien geplant, nach denen eine Scheinselbstständigkeit festgestellt werden soll. 96% aller Selbstständigen würden mindestens eines dieser Kriterien erfüllen. Würde man jedoch davon ausgehen, dass mindestens 5 Kriterien erfüllt sein müssten, um als Scheinselbstständiger zu gelten, wären 72% der derzeit Scheinselbstständigen “zu Unrecht verurteilt”. (siehe: 96% der “echten” Selbstständigen verletzen ein oder mehrere Kriterien)

Die komplette Studie ist hier einsehbar: VGSD-/deskmag-Studie. (In diesem Artikel kann nicht auf alle Einzelheiten eingegangen werden, daher immer der Link zu den ausführlichen Ergebnissen.) Tipp für Unternehmer: Existenzgründer und Selbstständige, bei denen jetzt Fragen zur Scheinselbstständigkeit aufkommen, sollten sich den Artikel durchlesen: Sind Sie scheinselbstständig? Der Artikel geht auf viele weitere Fragen und Tipps zu diesem Thema ein.

Bild von Solo-Selbstständigen ist veraltet

Politiker haben oftmals noch ein falsches und überholtes Bild von Selbstständigen. Für sie sind Solo-Selbstständige keine “echten” Selbstständigen, sondern nur die Vorstufe zu einem größeren Unternehmen. Unternehmer die diesen Schritt nicht schaffen, werden häufig als Scheinselbstständig deklariert. Die Studie soll helfen, den verantwortlichen Politikern zu denken zu geben. Bisher wurden Selbstständige oder ein Verband, wie der VGSD, nicht zu Rate gezogen, wenn es um entsprechende Gesetzesentwürfe ging. Der VGSD und auch das Gründerlexikon sind jedoch überzeugt, dass die Qualität von Gesetzen und Verordnungen enorm steigen könnte, wenn Selbstständige in den Dialog mit einbezogen werden.

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Selbstständige unter Beschuss - neues Gesetz gegen Scheinselbstständigkeit?

Ende 2015 hat Arbeitsministerin Andrea Nahles einen Gesetzentwurf vorgelegt, nachdem die Regelungen gegen Scheinselbstständigkeit weiter verschärft werden. Es würde vor allem viele Solo-Selbstständige betreffen. Nach einer Studie von Ernst & Young würden 28 % aller heutigen Selbstständigen demnach als Scheinselbstständig deklariert. Das führt auch zu Unsicherheiten bei den Unternehmern, die sich mit Aufträgen an Solo-selbstständigen zurückhalten.