Als Anwalt selbstständig machen – diese Möglichkeiten haben Sie

Wer das Studium der Rechtswissenschaften mit Prädikatsexamen abschließt, dem steht die Berufswelt offen. Für die übrigen Absolventen bleiben viele Türen verschlossen. Für manchen Juristen gerät dann der Start in den Anwaltsberuf zu einer Art Notnagel. Andere wiederum begreifen ihre Situation als Chance, wohl wissend, dass sie nun richtig klotzen müssen.

Bild: Tim Reckmann / pixelio.de

Es gibt mehrere Möglichkeiten sich als Anwalt selbstständig zu machen, nämlich als Sozius in einer Kanzlei, als Rechtsanwalt in einer Bürogemeinschaft oder auch als Einzelanwalt. Wer über ausreichend Kapital verfügt, kann im Idealfall eine bereits vorhandene Kanzlei nebst Mandanten übernehmen. 

Als Sozius in einer Kanzlei

Eine Sozietät ist ein Zusammenschluss mehrerer Rechtsanwälte mit dem Zweck der gemeinsamen Berufsausübung. Dieser Zusammenschluss findet seine Grundlage in einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts, abgekürzt GbR. Rechtlich ist sie von der Bürogemeinschaft abzugrenzen, was insbesondere Haftungsfragen betrifft. Denn das Mandat eines Sozius ist immer ein gemeinsames Mandat aller in der Kanzlei tätigen Sozien, sodass diese auch gemeinsam haften. Die Rechtsgrundlagen für die gemeinsame Berufsausübung finden sich in der Berufsordnung für Rechtsanwälte (BORA) sowie in den im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) enthaltenen Vorschriften über die Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Darüber hinaus sind bei der Namensgebung einer Sozietät die Vorschriften im Handels- und Gesellschaftsrecht über die Firma rechtlich relevant. Möglich ist auch unter bestimmten Voraussetzungen ein Zusammenschluss mit Mitgliedern anderer wirtschafts- und steuerberatender Berufe sowie mit Anwälten im europäischen Raum oder auch in außereuropäischen Staaten, sofern die letzteren den Voraussetzungen von § 206 der Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) genügen. Die Zusammenarbeit der Sozien findet auf der Grundlage eines nicht formbedürftigen Vertrages statt, der auch konkludent geschlossen werden kann. Da die Gesellschafter einer Sozietät gleichberechtigt handeln, erscheinen auch alle mit mindestens einem Vornamen namentlich auf dem Briefbogen. Die Haftung der Gesellschafter orientiert sich an der Haftung der Gesellschaft bürgerlichen Rechts. 

Anwalt werden in einer Bürogemeinschaft

Grundlage der Zusammenarbeit ist ebenfalls wie bei einer Sozietät die Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Allerdings ist der Zweck der Zusammenarbeit ein anderer, denn er ist lediglich darauf gerichtet, die Büroausstattung und das Büropersonal gemeinsam zu nutzen. Jeder Anwalt arbeitet selbstständig. Deshalb wird auch kein gemeinsamer, sondern ein einzelner Vertrag mit dem jeweiligen Anwalt geschlossen, der eine Mischung aus einem Gesellschaftsvertrag, einem Miet- und einem Dienstvertrag ist. Infolgedessen gibt es auch keine gesamtschuldnerische Haftung, sodass der in einer Bürogemeinschaft tätige Anwalt für sich selbst und sein Tun die Verantwortung trägt. Erscheinen auf dem Briefkopf alle in einer Bürogemeinschaft tätigen Anwälte, muss dies an dem entsprechenden Zusatz „Bürogemeinschaft“ erkennbar sein.   

Als Einzelkämpfer in der Flut niedergelassener Rechtsanwälte

Es steht außer Frage, dass die Entscheidung, sich als freiberuflicher Rechtsanwalt niederzulassen, der wohl härteste Weg ist. Doch es lohnt sich ein Blick zurück: Wer dieses umfassende Studium mit dem ersten Staatsexamen abgeschlossen hat und auch das anschließende Referendariat mit dem zweiten Staatsexamen meistern konnte, der muss sich vor dem Beruf des Rechtsanwalts nicht fürchten und wird auch alle damit verbundenen Hürden meistern! Ein Rechtsanwalt, der sich mit einer eigenen Kanzlei als Freiberufler selbstständig macht, muss mit einer Gründungsphase von bis zu drei Jahren rechnen und mit einer sich anschließenden Konsolidierungsphase, die etwa vom vierten bis zum sechsten Jahr nach Gründung dauert. Doch bevor der Startschuss fällt, gilt es sich mit allen Fragen der Unternehmensgründung auseinandersetzen. Hierzu zählen auch strategische Überlegungen sowie die Berechnung aller anfallenden und laufenden Kosten. 

Vorüberlegungen vor dem Start

Weiterhin gilt es, die grundlegende Entscheidung zu treffen, ob man als Spezialist für ein oder zwei Rechtsgebiete an den Markt geht oder sich als Generalist positioniert. Der Standort entscheidet mit über den Erfolg und sollte auf der Grundlage einer Wettbewerbsanalyse gewählt werden. Weiter ist es wichtig, eine objektive Übersicht über persönliche Fähigkeiten, die fachlichen Qualifikationen sowie Kenntnisse im Bereich der Betriebsführung aufzulisten, um mögliche Defizite durch Fortbildung, Beratung oder auch durch Austausch mit bereits etablierten Rechtsanwälten auszugleichen. Wer Informationen und Unterstützung zu allen die Kanzleiführung betreffenden Themen wie Unternehmensführung, Buchführung, Steuerrecht und für Anwälte geltende Besonderheiten sucht, wird auf den Webseiten folgender Institutionen fündig:

Neben dem Lebensunterhalt müssen für die Kanzlei weitere Kosten eingeplant werden, beispielsweise für die Miete der Kanzleiräumlichkeiten, Kosten für Personal, das technische Equipment sowie für alle weiteren Büromaterialien einschließlich der Kosten für die Erstausstattung Literatur. Ein Praxisschild muss angefertigt werden, eine Robe gekauft und alle erforderlichen Marketingmaßnahmen geplant und umgesetzt werden. 

Finanzierungshilfen für Existenzgründer

Für die Gründung einer eigenen Kanzlei braucht man vor allem Geld. Mögliche Finanzierungshilfen sind der Gründungszuschuss nach § 57 SGB III, das Einstiegsgeld nach § 16 b SGB II, das Gründerdarlehen der KfW Bankengruppe sowie ERP-Kapital und die ERP-Regionalförderung. Die Zielgruppe für den Gründungszuschuss sind Existenzgründer, die noch einen Restanspruch von 150 Tagen auf Arbeitslosengeld I haben. Der Gründungszuschuss liegt im jeweiligen Ermessen der zuständigen Arbeitsagentur und wird unter bestimmten Voraussetzungen für die Dauer von sechs Monaten gewährt. Wer Arbeitslosengeld II erhält und sich selbstständig machen möchte, kann für die Dauer von zwölf Monaten Einstiegsgeld bei der Agentur für Arbeit beantragen, das allerdings in der Höhe wesentlich geringer ausfällt als der Gründungszuschuss. Auch die KfW Bankengruppe fördert Existenzgründungen unter bestimmten Voraussetzungen und zu besonders günstigen Konditionen, beispielsweise mit dem Gründerdarlehen, mit dem ERP-Kapital und mit der ERP-Regionalförderung.

Was für alle Existenzgründer gleichermaßen gilt

Für alle Varianten der Selbstständigkeit als Rechtsanwalt zwingend ist die Anmeldung bei der zuständigen Rechtsanwaltskammer, die über die Zulassung entscheidet. Hierfür ist eine Gebühr in Höhe von 150 Euro zu entrichten. Wiederum Voraussetzung für die Zulassung als Rechtsanwalt ist der Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung, wobei die Höhe der Versicherungsbeiträge vom Umfang der Leistungen und vom jeweiligen Versicherungsanbieter abhängig ist. Wer als Anwalt in einer Bürogemeinschaft oder in einer Sozietät arbeitet, benötigt eine Bestätigung der Kanzlei als Nachweis für die Zusammenarbeit. Mit der Zulassung als Rechtsanwalt wird auch gleichzeitig die Mitgliedschaft im Versorgungswerk für Rechtsanwälte im jeweiligen Bundesland begründet. Die Beitragszahlung orientiert sich an der Höhe des Einkommens und wird entsprechend der Verdienstangaben festgesetzt.

 

Autor: Jörg Jelinnek, Geschäftsführer beim Anwaltsuchdienst  Berliner-Anwalt.de und Journalist.



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