MLM und das Bildungsgewerbe: Eine Warnung an alle Leiter von Bildungsstätten

Offensichtlich versuchen die Betreiber von Multi Level Marketing Pyramidenspielen derzeit, in das Bildungsgewerbe einzudringen. Dabei scheinen zwei Ziele verfolgt zu werden: einerseits sollen offensichtlich Lehrgänge zu Verkaufsveranstaltungen und zur Ausweitung der "Downline" zweckentfremdet werden, was besonders in Arbeitsamtveranstaltungen beobachtet wurde. Das macht offensichtlich Sinn, denn Arbeitslose und Umschüler sind durch ihre sozialen Probleme leichte Opfer.

Bild: LTDSupport / pixabay.com

Andererseits scheint man „Hausbildungsfirmen“ zu suchen, die Veranstaltungen für eingeworbene MLM-Mitspieler veranstalten. Will man die offensichtlich doch zu hohen Kosten der Motivation und Schulung an das traditionelle Bildungsgewerbe outsourcen? Lesen Sie meinen Erfahrungsbericht:

Seit Jahren arbeite ich mit einer renommierten Erfurter Bildungsfirma zusammen, die in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt Lehrgänge für Ingenieure veranstaltet. Die relativ hoch angebundene Maßnahme umfaßt Training in allen möglichen Softwareumgebungen und u.a. ein Praktikum im Ausland - alles von Vater Staat finanziert. Teil eines solchen Lehrganges ist auch eine Projektarbeit, bei der über ein vom Teilnehmer zu wählendes Thema zu schreiben ist. Diese Projektarbeit geschieht in Zusammenarbeit mit einem externen Projektpartner, bei dem der Teilnehmer später u.U. eine Anstellung finden kann. Das Thema muß während der Veranstaltung und am Schluß im Rahmen einer Projektverteidigung präsentiert werden. Bei solchen Projektarbeiten trete ich immer wieder als Gutachter auf - bislang stets zur Zufriedenheit aller Beteiligter, d.h., Teilnehmer wie externer Projektpartner. Außerdem teile ich mir in diesen Lehrgängen seit Jahren mit einem anderen Kollegen den betriebswirtschaftlichen Teil des Unterrichts, den ich u.a. mit meiner BWL CD unterstütze, die gemäß den AGBs für Teilnehmer bis auf die Kosten des Rohlings (derzeit 50 Cent) kostenlos ist.

In einem gerade angefangenen Lehrgang habe ich eine Teilnehmerin, die schon viel Geld in ein bestimmtes Multi Level System "investiert" hat, d.h., offensichtlich ein großes Lager an deren Produkten aufbauen mußte - besonders verwerflich wenn man bedenkt, daß die Dame arbeitslos ist. Diese Teilnehmerin wollte auch ihre Projektarbeit über ihr MLM-Thema schreiben.
Aus Gründen der allgemeinen Neutralitätspflicht des Gutachters habe ich es von mir aus abgelehnt, für diese Dame als Gutachter aufzutreten. Ich habe ihr aber aus demselben Grund ausdrücklich versichert, mich vollkommen neutral zu verhalten, ihre Projektarbeit nicht zu stören und das Thema MLM nicht von mir aus zu thematisieren, solange sie nicht versucht, ihr System unter den Teilnehmern zu verbreiten; allerdings würde ich ggfs. in der Projektverteidigung Fragen stellen, was nach einem Jahr Vorbereitungszeit mE nach angemessen und einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema dienlich ist. Dennoch bat die Teilnehmerin um ein Gespräch mit dem Schulungsstättenleiter, bei dem auch eine Vertreterin aus ihrer "Upline" zugegen war.

Diese Dame, deren Name ich weiß, aber wie alle anderen Namen hier verschweige, fragte mich zunächst, ob ich denn an einer wissenschaftlichen Arbeitsweise interessiert wäre, was ich bejahte. Alsdann sprach sie mir jedoch jegliche Kenntnis über MLM ab und behauptete, ich würde nur Meinungen äußern. Sie kritisierte insbesondere meine BWL CD, offenbarte aber erst nach mehrfachem Nachhaken, daß sie diese überhaupt nicht gesehen hatte. Meine Neutralitätszusage reichte offensichtlich nicht; dafür legte sie der Geschäftsleitung nahe, mich aus dem Lehrgang zu entfernen (was jedoch nicht passiert ist). Als ich mehrfach während des Gespräches versuchte, Argumente anzubringen. ließ mich die Vertreterin nicht zu Wort kommen oder ignorierte einfach alle Fakten und Fragen, die ich in den Raum warf. Auffällig war auch, daß die Person immer lauter wurde, wenn ich bestimmte, kritische Punkte ansprach, etwa das unseriöse Provisionssystem des Unternehmens.

Offensichtlich ist man also in keiner Weise an Wissenschaft und Lernen interessiert, sondern daran, "unter sich" zu sein, d.h., den Lehrgang "gegnerfrei" zu kriegen. Das paßt auf die oben dargestellten Mentalitäten und Strukturen des MLM, denn da man sich mit Andersdenkenden offensichtlich nicht auseinandersetzen kann (oder will), versucht man, diese für die Sache zu gewinnen oder loszuwerden - eine Verhaltensweise, die man auch bei Sekten aller Art beobachten kann.

Unter der Hand habe ich inzwischen erfahren, daß man zahlreiche andere Teilnehmer mit Projektthemen versorgen, also offensichtlich für die MLM-Sache anwerben wollte.
Die offenbar im Moment verstärkten Werbeaktivitäten unter sozial Schwachen finde ich besonders widerwärtig, weil hier Menschen, die ein Problem haben, in noch größere Schwierigkeiten geraten können - schon durch den für den Einstieg notwendigen Kauf erheblich überteuerter Produkte. Zudem dürfte das Arbeitsamt nicht gerade amüsiert sein, wenn es von sowas hört, denn das widerspricht nicht nur den Abmachungen zwischen Bildungsfirma und Arbeitsamt, sondern offensichtlich auch dem Sinn einer solchen Veranstaltung.

Also, liebe Leiter von Bildungsstätten und Teilnehmer von Bildungsfirmen: Finger Weg! Machen Sie etwas Seriöses und lassen Sie die Pyramidenspielchen sein. Zum Erfolg gibt es keinen Lift, man muß die Treppe benutzen!

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