Was Unternehmer vom Zirkus lernen können

Dingelstädt, 26.10.2015 - Wann waren Sie zuletzt im Zirkus? Zirkus hatte für mich bisher stets ein Hauch von altmodischem Wagenvolk, was durch die Lande zieht und auf Zigeunerart versucht, etwas Geld zum Überleben zu verdienen. Dabei werden nicht selten Halunkenmethoden oder Taschenspielertricks verwendet, um das Ziel zu erreichen. Ich erinnere mich aktuell an die fast aussätzig wirkenden Kreaturen, die vor einige Wochen bei uns an der Haustür klingelten und um etwas Geld für das Futter des gerade angekommenen Zirkus bettelten. Von daher handelt es sich nicht unbedingt nur um ein Klischee, es ist tatsächlich Realität. Jedoch gibt in jeder Branche schwarze Schafe, oder solche und solche Unternehmer.

Bild: tpsdave / pixabay.com

Wie Sie Opens external link in new windowim Trailer bereits sehen konnten, hat das Zirkusprojekt nicht nur die Kinder unserer kleinen Stadt, sondern auch die Lehrer und selbstverständlich das Publikum zu tiefst beeindruckt, emotional berührt und dafür gesorgt, das bereits während der Projektwoche jedes Kind nur noch vom Zirkus sprach. Wann gab´s das zuletzt? Die Aufführungen haben dabei für den Rest gesorgt. Die Professionalität, die technisch hervorragende Ausstattung, die jungen, dynamischen und gut aussehenden Artisten haben nicht nur die Kinder in ihren Bann gezogen, sondern auch die Erwachsenen, das Publikum, Oma und Opa, Paten, Lehrer, Schulleitungen, Geschwister uva. sind regelrecht geflasht worden.  Es wurde nicht selten der Satz gesagt:

"Wenn die Schule bei uns damals so gewesen wäre, dann ..."

Aber woran liegt das und wie können Sie das als Unternehmer auf Ihre eigene Firma projezieren? Was können Sie daraus lernen, was können Sie selber nutzen? Geht das überhaupt? Genau das möchte ich herausfinden und mit diesem Artikel analysieren.

Dazu habe ich sowohl den Zirkus selbst (Frau Sperlich vom 1. Ostdeutschen Projektcircus), einige Lehrer der Grundschule Dingelstädt und natürlich Kinder und das Publikum interviewt:

Zum Interview mit dem Zirkus

Gründerlexikon:

Hallo Frau Sperlich, wer kam auf dieses Konzept?

 

Frau Sperlich:

Vor etwa elf Jahren waren wir noch ein ganz normaler Zirkus, mit genau den Problemen, mit denen auch heute noch viele konventionelle Zirkusunternehmen zu kämpfen haben. Es musste sich also dringend etwas ändern, die Idee dabei kam von unserer eigenen Zirkusfamilie.

Gründerlexikon:

Sind für Ihr neues Konzept Anmeldungen, Zulassungen oder Genehmigungen notwendig gewesen? Ich persönlich stelle mir die Bürokratie diesbezüglich extrem vor, insbesondere hinsichtlich der pädagogischen Ausbildung und den sehr oft quer schlagenden Behörden wie Schulämter und Kultusministerien.

Frau Sperlich:

Wir hatten da keinerlei Probleme und mussten auch in keinster Weise Auflagen erfüllen oder Genehmigungen einholen. Heute ist es sogar so, dass die Grundschulen lange Voranmeldungszeiträume bei uns in Kauf nehmen müssen, da wir das ganze Jahr ausgebucht sind. Selbstverständlich sind alle Mitwirkenden und Mitarbeiter unseres Zirkusunternehmens staatlich geprüfte Artisten.

Gründerlexikon:

Hat sich Ihre finanzielle Situation, insbesondere die Einnahmensituation, seit der Einführung des neuen Konzeptes geändert?

 

Frau Sperlich:

Ja, die Einnahmen sind gestiegen, was nicht nur durch die Eintrittsgelder und der Verkauf von Popcorn zu begründen ist. Auch die Teilnehmergebühren für die Schüler gehören dazu und die nahezu immer ausverkauften Vorstellungen, tragen zur besseren Auslastung und demzufolge zur höheren Effizienz des ganzen Unternehmens bei.  Ich möchte jedoch noch erwähnen, wir haben bisher keine Zuschüsse erhalten, sondern alles aus eigener Kraft entwickelt und finanziert.

Gründerlexikon: 

Das ist beachtlich, insbesondere die Tatsache, dass Sie keine staatlichen Zuschüsse beantragt oder erhalten haben. Das ist doch das, was die meisten Unternehmer und Existenzgründer zu allererst tun, geschenktes Geld beantragen (so zumindest meine Erfahrungen). Anderes Thema: Ist die Akzeptanz des Zirkusunternehmens an sich aus Ihrer Sicht gestiegen?

Frau Sperlich:

Viele Kinder waren vor ihrem Auftritt bei uns noch nie in einem Zirkus, daher kennen sie das historische Konzept der meisten Zirkusunternehmen noch gar nicht. Dennoch gibt es viele Vorurteile, ich denke jedoch, dass viele Kinder das neue Konzept gut finden und jederzeit wieder an einer solchen Projektwoche teilnehmen würden. Die Einnahmen, das regelmäßig volle Zirkuszelt, viele begeisterte Eltern und Großeltern zeigen uns darüber hinaus, dass unser Konzept gut ist und demzufolge auch der Zirkus an sich an Akzeptanz gewonnen hat. Es hilft natürlich auch ungemein, dass in den Köpfen verankerte Klischee zu verändern.

Gründerlexikon:

Was können Sie mir zum Thema Konkurrenz und Trittbrettfahrer hinsichtlich Ihres Konzeptes mitteilen?

 

Frau Sperlich:

Auch wir sind von Wettbewerbern nicht verschont und müssen uns gegen andere Zirkusunternehmen durchsetzen und behaupten. Wir haben jedoch den Vorteil, dass unser Zirkusunternehmen von insgesamt drei Familienmitgliedern mit jeweils eigenem Zirkuszelt an unterschiedlichen Orten in Deutschland betrieben werden kann. Somit erreichen wir eine wesentlich größeres Publikum gleichzeitig, was unser Standbein zusätzlich festigt und uns hilft, nicht zu schnell von Wettbewerbern aus dem Markt verdrängt zu werden. Da wir eines der ersten Zirkusunternehmen in Deutschland waren, die dieses Konzept eingeführt und umgesetzt haben, haben wir aufgrund dessen eine relativ hohe Erfahrung, große Bekanntheit und ein über die Jahre hinweg immer weiter optimiertes System geschaffen. Trittbrettfahrer gibt es selbstverständlich bei uns, wie in jeder Branche auch. Das Konzept kann an sich leider auch nicht geschützt werden. Wir sind diesbezüglich jedoch relativ zuversichtlich.

Gründerlexikon:

Danke für Ihre ausführlichen Antworten. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft natürlich immer ein volles Haus und vielleicht sehen wir uns in Dingelstädt noch einmal wieder.

Frau Sperlich:

Herzlichen Dank für das Interview.

 

Bisheriges Fazit

Nichts ist unmöglich. Nun habe ich mir aber auch gedacht, dass es sicher an einseitige Berichterstattung grenzt, den Zirkus allein zu befragen, daher hab ich auch einige Lehrer und Schüler befragt, welche ich allerdings anonym veröffentlichen:

Die Meinung der Lehrer

Gründerlexikon:

Werbung in öffentlichen Einrichtungen, insbesondere an Schulen ist aufgrund der fehlenden Zweckbindung nicht erlaubt. Wie gehen Sie mit der kommerziellen Komponente des Projektzirkus um, die ja doch mit kostenpflichtigen Angeboten wie Popcorn, Kindergetränken, Würstchen, aber auch Werbeplakaten im Zirkuszelt die Zielgruppe “Kinder“ konfrontiert?

Antwort:

Das ist sicherlich richtig, jedoch kann man sich auch als Erwachsener einen Zirkus ohne Popcorn schlecht vorstellen. Diese kommerzielle Komponente wird durch das hervorragende Projektangebot aus meiner Sicht kompensiert und kann daher von allen Seiten in Kauf genommen werden. Es darf allerdings nicht übertrieben werden, doch diesen Eindruck hatte ich bei diesem Zirkus allerdings nicht.

Gründerlexikon:

Was hat dieses Projekt den Kindern bzw. den Lehrern gebracht, wenn man es im Vergleich zu bisherigen Schulprojekten sieht?

Antwort:

Wir als Lehrer konnten die Kinder aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen, es sind dabei verborgene Talente gefördert worden, die niemand bei einigen Kindern erwartet hätte. Nicht wenige Kids sind quasi über sich selbst hinaus gewachsen, was weder andere Kinder noch die meisten Lehrer denjenigen zugetraut hätten. Darüber hinaus ist die jahrgangsübergreifende und integrative Mischung der Projektgruppen besonders hilfreich gewesen. So wurden Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse,  Kindergartenkindern sowie behinderte Kindern innerhalb einer Gruppe von den Artisten zu gegenseitiger Akzeptanz, Toleranz und zu Höchstleistungen befähigt. Auch die Kinder haben sich untereinander ganz anders kennengelernt, sie haben ihre Stärken und ihre Schwächen anderen zeigen müssen und selbst erfahren. Die bevorstehenden öffentlichen Aufführungen haben darüber hinaus das Selbstbewusstsein und das Teamgefühl der Kinder extrem verstärkt. Einige Kinder brauchten diese Erfahrung ganz dringend, bei anderen Kindern hat es zusätzlichen Auftrieb gegeben.

Gründerlexikon:

Danke für die sehr interessanten pädagogischen Einblicke.

 

Die Meinung der Kinder

Nun habe ich bei meinem Besuch in diesem Projektzirkus auch einige Kinder befragen können, jedoch konnte ich anschließend feststellen, dass es keinen Sinn machte, einzelne Interviews zu veröffentlichen, denn die Antworten liefen stets in die gleiche Richtung. Hier eine kurze Zusammenfassung der häufigsten Antworten:

 

Gründerlexikon:

Warst du schon einmal in einem anderen Zirkus?

Die häufigste Antwort:

Nein

Gründerlexikon:

Was hat dir an diesem Zirkus besonders gut gefallen?

Die häufigsten Antworten:

alles, eigentlich alles, dass wir da selbst mitmachen konnten

Gründerlexikon:

Mit wie vielen Personen aus deiner Familie warst du heute hier?

Antwort:

2 - 7

Die Antworten zeigen ganz eindeutig, dass nicht nur die Kinder begeistert wurden, sondern auch die Eltern, Großeltern, Freunde und Geschwister neugierig auf den Auftritt des eigenen Familienmitglieds waren.

Nun möchte ich aber aus betriebswirtschaftlicher Sicht und auch ein bisschen aus Marketing Blickwinkel analysieren, wie es zu diesen phänomenalen Ergebnissen kommt und ob dieses Konzept auf jeden Unternehmer übertragbar ist oder was jeder Unternehmer sich daraus ab schauen sollte.

Wo liegt der Schlüssel zum Erfolg in diesem Konzept?

Das Erfolgsgeheimnis liegt eindeutig in der Umkehrung der Zielgruppe, dem Publikum. Bisher zeichnete ein Zirkus sich durch die Darbietungen der Artisten aus, welche den Zuschauer begeistern sollten. Dadurch war ein gewisser Abstand zum Zirkusunternehmen und auch zur notwendigen artistischen Leistung geben. Der körperliche Einsatz, die Schwierigkeit etwa auf Glas zu laufen, ein Zauberkunststück vorzuführen oder am Trapez kopfüber zu hängen, wurde einem Fremden gegenüber weniger hoch bewertet, anerkannt und dementsprechend honoriert, als es bei einem Bekannten oder Freund der Fall gewesen wäre. Ich bezeichne dieses Phänomen “Den Facebook-Effekt“ denn wem würde man mehr Vertrauen bei einer Empfehlung schenken, als dem eigenen Kind, dem Vater, seiner Mutter oder dem besten Freund?

Das negativbehaftete Klischee des Zirkus - dieser Gedanke ist seit vielen Jahren im Kopf der Menschen und genau solche Meinungen oder Thesen werden stets an die Kinder weitergegeben. Hier kommt wieder der Vertrauenseffekt zum Tragen, denn die Kinder vertrauen selbstverständlich derartigen Aussagen. Der Effekt wird durch die neuen Medien und die vermeintlich wesentlich interessanteren Freizeitangeboten verstärkt. Letztlich können Kinder gar keine Einschätzung für sich selbst vornehmen, da sie ja (wie das Interview gezeigt hat) in den meisten Fällen noch nie in einem Zirkus waren, sie können sich also nur auf die Erfahrungen und Tatsachenberichte ihrer Eltern und der Erwachsenen berufen.

Das Zirkusprojekt hat durch die Einbeziehung der Kinder im schulischen Rahmen das ehemals inaktive Publikum zu einem aktiven Publikum umgekehrt, indem das Publikum nun selbst das Programm gestaltet und dadurch nicht nur lernt sondern auch die Erfahrung sammelt, auf einer Bühne vor vielen Menschen zu stehen. Genau diese körperliche und psychische Herausforderung können die Eltern und Anverwandten am besten schätzen und demzufolge ist dieses sekundäre Publikum absolut im Zugzwang, die eigenen Kinder auf der Bühne sehen zu wollen. Denn wer möchte seinen Kindern schon sagen:

"Ich habe keine Lust mir alles anzusehen, es ist sowieso nur Zirkusgaukelei, ich wünsche dir trotzdem viel Spaß dabei. Vielleicht beim nächsten Mal."

Das macht keiner, zumindest kenne ich niemanden, der so reagiert hätte. Zeitliche und terminliche Schwierigkeiten sind da selbstverständlich ausgenommen, das kann durchaus heutzutage in der Privat- und Berufswelt vorkommen, was hier auch nicht zur Debatte stehen soll.

Welche Unternehmer oder welche Branchen können dieses Konzept übernehmen?

Mit Sicherheit kann nicht jeder Unternehmer das komplette Konzept übernehmen, es ist aus meiner Sicht nur für Unternehmen geeignet, die eine ähnliche Struktur wie ein Zirkusunternehmen aufweisen. Also Publikum vor sich sitzen haben, was über eine Darbietung oder eine Aufführung begeistert werden soll. Dieses Publikum wechselt in der Regel relativ oft, ist zahlt Eintritt und das Entertainmentunternehmen lebt davon, dass das begeisterte Publikum die Euphorie mündlich oder über soziale Medien weitergibt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dieses Zirkuskonzept von Alleinunterhaltern, Theaterunternehmen, Bands, Musikern, Sängern oder anderen Schaustellern, Künstlern oder Dienstleistern übernommen werden könnte.

Der Handwerker oder der Händler gehört meines Erachtens eher nicht zu der Gruppe von Unternehmern, die daraus profitieren können, aber vielleicht denke ich gerade wieder zu oberflächlich, denn nichts ist unmöglich und wer eine gute Idee hat, soll´s einfach testen. Ich wollte mit dieser Berichterstattung nur den Anreiz zum Nachdenken geben, nicht alles als gegeben hinnehmen, sondern ausprobieren, testen und das Beste daraus verwenden.

Mir persönlich hat es in jeglicher Hinsicht gefallen, ich wünsche mir und Ihnen aufgrund meiner Erlebnisse und Erfahrungen ebenso reichhaltige Ideen, um Ihr Unternehmen positiv zu beeinflussen und mit derselben Zielgruppe plötzlich Erfolge zu feiern. Was die Konzeptänderung oder eine pfiffige, clevere oder innovative Geschäftsidee bewirken kann, können Sie bei den Gründern und Produkten aus der Fernsehsendung "Die Höhle der Löwen“ (Vox) sehen, welche ich hier im Gründerlexikon verfolge und in einer Gesamtübersicht zusammengefasst habe. In dieser Tabelle finden sich viele alte Produkte und Geschäftsideen wieder, die lediglich an die Zielgruppe angepasst und der neuen Zeit mit den neuen Möglichkeiten auf den Leib geschneidert wurden. Fertig ist das Erfolgsrezept, mit alten Dingen auch heute noch erfolgreich zu sein. Ich wünsche an dieser Stelle auf jeden Fall den Lehrern und Schülern nicht nur in Dingelstädt, viele weitere derartig lehrreiche und erfolgreiche Projektwochen und Erlebnisse, ich wünsche auch dem Projektzirkus alles Gute und ich wünsche Ihnen als Leser, Unternehmer und Existenzgründer kreative Gedanken um derartige Durststrecken durch pfiffige und verändernde Konzepte zu überwinden. Ich bin auf Ihre Kommentare gespannt, die ich bei Facebook sehr gerne gegenkommentiere oder beantworte.



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