»Octavus Office«: Wie Bürodienstleister von Betrügern mißbraucht werden

In Berlin steht am Potsdamer Platz 11 ein weithin bekanntes Hochaus, direkt neben der Bahn-Konzernzentrale, einen Steinwurf vom Reichstag, also eine der ersten Adressen der Republik. Büroflächen sind hier richtig teuer, und wer dort residiert, hat eine erstklassige Adresse. Das ruft auch Betrüger auf den Plan.

Bild: www.octavus-office-berlin.com

Eine Möglichkeit, an dieser Spitzenadresse eine Niederlassung zu gründen, bieten Bürodienstleister, die die begehrten Quadratmeter zu marktüblichen Preisen vermieten - möbliert oder leer, mit Kommunikationsanbindung und einer Vielzahl weiterer Dienste von Veranstaltungsmanagement bis hin zum Kaffekochen. Ein solcher Dienstleister ist Ocatvus Office. Im Leistungsportfolio dieses Unternehmens befinden sich aber neben der eigentlichen Vermietung und Betreuung der Bürokunden auch zweifelhaftere Dienstleistungen, etwa das "Virtuelle Office": ein Kunde mietet gar nicht wirklich Büroflächen an, sondern läßt sich lediglich seine am Potsdamer Platz 11 eingehende Post weiterleiten ("Postpaket") oder sogar dort eingehende Telefonanrufe diskret weitervermitteln ("Telefonpaket") - eine Briefkastenfirma also. Dem Geschäftspartner gegenüber kann daher unter einer noblen Teueradresse aufgetreten werden, die gar nicht wirklich besteht - immerhin eine Täuschungshandlung. Das ist zwar, wenn hierdurch kein Schaden verursacht wird, noch nicht an sich illegal, aber doch moralisch eher fragwürdig. Und eine Einladung an Betrüger aller Art. Schauen wir mal, wie das funktioniert:

Am Potsdamer Platz 11 residiert gerade in dem bekannten Hochhaus ausweislich des aktuellen Berliner Telefonbuches in bester Lage eine gewisse "UNIT Marketing & Vertriebsgesellschaft Ltd.", die sich schon durch ihre edle Anschrift als vermutlich warenkreditwürdige Unternehmung ausweist:

telefonnummern von unit marketing und vertriebsgesellschaft ltd

Quelle: KlickTel Telefonbuch-CD, Ausgabe Frühjahr 2006

Eine Überraschung erlebt aber, wer beispielsweise nach mehreren Mahnungen auf Zahlung versucht, diese Firma anzurufen. Probieren Sie es ruhig mal aus, diese Ansage ist kostenlos aber nicht umsonst. Natürlich führt mich mein nächster Weg zum Companies House, wo alle Limited-Gesellschaften nach englischem Recht offiziell registriert sind. Der Eintrag der UNIT Marketing enthält den intensiven Vermerk "dissolved", und das schon im Jahre 2003. Autsch! Eine Leiche im Berliner Telefonbuch? Die genannten Telefonnummern gehörten nach vorliegender amtlicher Auskunft zuletzt übrigens einer Bender & Partner Unternehmensberater Ltd., Berliner Allee 96, 13088 Berlin, über die man ebenfalls einen ähnlichen Eintrag beim Companies House vorfindet (suchen Sie ruhig mal, es ist wirklich interessant, sowas herauszufinden), aber das ist eine andere Recherche. Es wird aber auch hier spannend, denn versuchte ein Gläubiger, eine Forderung per Mahnbescheid oder gar per Klage durchzusetzen, liefen seine Bemühungen kostenpflichtig ins Leere: nicht nur, weil das eine Limited ist, sondern auch, weil es diese so wenig gibt wie die angegebene Adresse.

Totgesagte leben länger, und sie schreiben insbesondere zahlreiche mir vorliegende eMails - alle unter dem Absender "UNIT Marketing" undsoweiter. Hinter der erfolgreich verstorbenen Marketingfirma steckt, wie sich bald herausstellt, eine Person namens Rocco Jürgens, die indes mir gegenüber unter mindestens zwei verschiedenen Namen auftritt. Jürgens ist, wie weitere Recherchen zweifelsfrei ergeben, ein Kunde der Octavus Office. Leistet diese also einem Betrüger Beihilfe?

Das könnte sein, wenngleich auch wohl unbeabsichtigt und unwissentlich, denn mir liegt inzwischen ein Schreiben der Amtsanwaltschaft Berlin vor, daß Jürgens "in einem weiteren Verfahren eine Strafe" zu erwarten habe. Die Amtsanwaltschaft ist in Berlin, was die Staatsanwaltschaft anderswo in der Republik ist - und dort ist Jürgens kein Unbekannter. Die letzte "polizeiliche Maßnahme" soll bei ihm, wie gutinformierte Kreise mir gesteckt haben, erst im August 2005 stattgefunden haben. Weiß man das bei Octavus Office, könnte man sich wegen Beihilfe zum Betrug schuldig machen. Ich habe immerhin sichergestellt, daß man es jetzt weiß. Eine Reaktion der Geschäftsleitung liegt inzwischen vor (vgl. Update vom 30. Januar unten).

Insgesamt treiben die hohen Mieten in der Hauptstadt seltsame Blüten. Minderbemittelten Unternehmern virtuelle Adressen anzubieten mag nicht in sich illegal sein, aber es lädt widerrechtliche Aktivitäten geradezu ein - und beschädigt damit indirekt den Ruf der Unternehmen, die wirklich an solch teuren Standorten residieren. "Gelegenheit macht Diebe", weiß der Volksmund. Wie wahr!

Virtuelle Büros gibt es übrigens auch anderswo, und sie werden nicht nur für Betrugszwecke genutzt, sondern auch, um sich bürgerlich-rechtlichen oder wettbewerbsrechtlichen Pflichten und Rechtsfolgen zu entziehen - was zweifelhafte Versandhäuser und insbesondere Spam-Firmen zu schätzen wissen. Hat man deren postalisch Anschrift nämlich erstmal raus, landet man meistens bei einem ebensolchen Bürodienstleister. Auch hierzu liegen mir inzwischen konkrete Fälle vor, aber die kommen in einen anderen Artikel.

Update 30.01.2006: Inzwischen liegt eine Antwort der Geschäftsleitung vor, die offensichtlich selbst geschädigt ist (nichts anderes hatten wir ja behauptet). Der Geschäftsführer schreibt, daß es nie einen Vertrag mit Jürgens oder der ominösen UNIT Marketing Ltd. gegeben habe. Das bestreiten wir nicht; irgendeine Beziehung muß es aber gegeben haben, denn am 06.11.2005 wurde ein um 17:47 Uhr an die Octavus geschicktes und an UNIT/Jürgens addressiertes Fax nachweislich an seinen Adressaten weitergeleitet. Eine Geschäftsbeziehung, so der Geschäftsführer weiter, habe es aber mit einer anderen Person gegeben; ob diese mit Jürgens identisch ist oder nicht, ist unbekannt. Diese Geschäftsbeziehung wurde inzwischen von der Firma Octavus gelöst. Daß Jürgens mehrere Namen benutzt, gilt als wahrscheinlich.

 

Links zum Thema: Octavus Office Homepage | Companies House (externe Links)



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