Der erste Eindruck als selbsterfüllende Prophezeiung

Die meisten Redner sind der Überzeugung, dass sie ihr Gegenüber von sich einnehmen können, sobald sie die ersten Worte gesprochen haben. Fragt man sie, wie viel Zeit sie haben, um mit dem ersten Eindruck zu punkten, so erhält man nicht selten die Antwort, dass dafür einige Minuten ins Land gehen. Doch das ist mitnichten der Fall. Tatsächlich sind wir in der Lage, uns innerhalb kürzester Zeit einen ersten Eindruck zu verschaffen. Diese Fähigkeit führt man darauf zurück, dass es für uns vor Urzeiten überlebenswichtig war, einen zutreffenden ersten Eindruck zu gewinnen. Wir mussten damals entscheiden, ob wir kämpfen oder fliehen wollten. Wer zu lange überlegte, für den hatte sich die Entscheidung manches Mal schon erübrigt.

Bild: geralt / pixabay.com

 

Die ersten Sekunden sind entscheidend

Menschen verfügen infolgedessen über eine nichtrationale Fähigkeit, Urteile über andere zu fällen. Deshalb sind wir in der Lage, schon im ersten Augenblick etwas sehr Grundlegendes über den Charakter eines Menschen wahrzunehmen. Leider ist sich die Wissenschaft nicht so ganz einig, wie schnell wir denn nun diesen ersten Eindruck gewinnen. Es gibt Vertreter, die sind der Auffassung, dass wir hierfür lediglich 0,3 Sekunden benötigen. Andere sind der Meinung, dass drei Sekunden vergehen. Übereinstimmung herrscht darüber, dass – wie früher angenommen – sieben Sekunden definitiv eine viel zu lange Zeitspanne darstellen und dass zu diesem Zeitpunkt schon längst alles entschieden ist. Fragt man in einem Seminar die Teilnehmer, ob sie denn eigentlich gut darin sind, einen treffenden ersten Eindruck zu gewinnen, so stellt man fest, dass sich die Gefragten zumindest innerlich auf die Schulter klopfen und sich zu ihrer Fähigkeit beglückwünschen, andere Menschen in Windeseile korrekt einschätzen zu können. In den meisten Fällen herrscht Einigkeit darüber, dass auf den ersten Eindruck Verlass ist. 

Sympathie macht den Unterschied

Stellen Sie sich einmal das folgende Beispiel vor: An einem Montagmorgen gehen Sie in Ihrem Unternehmen zum Empfang, um dort einen Besucher abzuholen. Als Sie einen ersten Blick auf Ihren Gast erhaschen, sind Sie regelrecht euphorisch und sehr erfreut über den augenscheinlich sympathischen Gesprächspartner. Sie begleiten Ihren Gast zum Besprechungszimmer und widmen sich unterwegs einem anregenden Small-Talk-Gespräch. Im Konferenzraum angekommen servieren Sie eine schöne, heiße Tasse Kaffee. Nun jedoch passiert Ihrem Gegenüber ein Missgeschick: durch eine unachtsame Bewegung stößt der Gast die Tasse Kaffee um und diese ergießt sich im Folgenden quer über den gedeckten Besprechungstisch.

Jetzt mal ganz ehrlich: welche Gedanken schießen Ihnen in diesem Moment durch den Kopf? Ich behaupte, dass Ihre Gedanken in etwa folgendermaßen lauten: „Das kann doch mal jedem passieren“ oder „O je, hoffentlich hat sich der arme Mann nicht verbrüht“. Manch einer findet ein solches Missgeschick sogar sympathisch: Perfektion macht uns nämlich schneller Angst, als uns lieb ist. Es ist viel leichter, sich jemandem gegenüber entspannt oder gar erhaben zu fühlen, der durch sein Missgeschick in „Schieflage“ geraten ist. Wiederum andere sind ganz froh, wenn mal ein anderer außer ihnen selbst der Tollpatsch ist.

Antipathie und die Folgen

Und nun modifizieren wir diese Geschichte ein ganz klein wenig: Am Dienstagmorgen beschreiten Sie erneut den Weg zum Empfang. Dort holen Sie einen Besucher ab, der Ihnen nicht wirklich sympathisch erscheint. Während Sie am Montag noch dachten, dieser sei Ihr Glückstag, so denken Sie am Dienstag in etwa das genaue Gegenteil. Auf dem Weg zum Besprechungsraum halten Sie ein wenig höflichen Small Talk mit dem Besucher und endlich im Besprechungsraum angekommen, bieten Sie Ihrem Gast eine gute Tasse Kaffee an. Was nun passiert, werden Sie schon erraten haben. Ihr Gast kommt aus Versehen unglücklich mit der Tasse in Berührung und wirft diese um. Nun jedoch sind Sie bei Weitem nicht mehr so großzügig, wie Sie es noch am gestrigen Tage gewesen sind. Sie urteilen nämlich nicht mehr nach dem Motto „Kann ja mal passieren“, sondern eher nach der Kategorie „Habe ich es mir doch gleich gedacht“. 

Was bedeutet das? Ganz einfach: Passiert ist in der Geschichte das exakt gleiche „Unglück“. Lediglich Ihre Interpretation war eine völlig andere. Während Sie beim ersten Besucher bereit waren, nahezu jeden Fehler aus Sympathie zu verzeihen, waren Sie beim anderen Besucher deutlich strenger. Während der eine Sie durch seinen positiven ersten Eindruck positiv vereinnahmt hat, hat der andere eher negativ „gepunktet“. Als Endergebnis müssen wir erkennen, dass der erste Eindruck alles, was „danach“ passierte, überstrahlte bzw. darauf ausstrahlte – im positiven wie auch im negativen Sinne. 

Wer beim ersten Eindruck punktet hat es leichter

Aus Vorstellungsgesprächen zum Beispiel weiß man, dass es zu einer der größten Herausforderungen für Personaler gehört, sich so weit wie möglich vom ersten Eindruck zu befreien. Denn vergessen wir nicht: Personaler sind auch nur Menschen, selbst wenn es nicht jedem Bewerber so vorkommen mag. Auch sie laufen Gefahr, sich von ihrem ersten Eindruck steuern zu lassen. Untersuchungen zufolge dürfen Bewerber, die sich auf den ersten Blick passgenau präsentieren und dadurch im ersten Eindruck umfassend punkten, auf leichtere Fragen im Vorstellungsgespräch freuen. Während sie ausführlich über ihre Erfolge referieren dürfen, muss der nicht so passgenau erscheinende Bewerber schwitzend Rede und Antwort zu seiner fachlichen Kompetenz stehen. Wir alle können uns das Leben also deutlich vereinfachen, wenn wir im ersten Eindruck glänzen. Das bedeutet noch lange nicht, dass der erste Eindruck auch tatsächlich zutreffend ist. Fest steht, dass wir sehen, was wir glauben: Das, was wir innerhalb weniger Sekunden zu sehen meinen, manifestiert sich in unseren Köpfen als die unerschütterliche Wahrheit.

Es ist legitim und wahrscheinlich sogar ratsam, wenn Sie selbst darum in Zukunft lieber immer noch einmal einen zweiten Blick auf andere riskieren. Ein paar Sekunden sind einfach zu wenig Zeit, um tatsächlich erfassen zu können, wer da vor einem steht. Sie sollten sich jedoch lieber nicht darauf verlassen, dass Ihr Gegenüber das Gleiche tut. Offenbar müssen wir einen Menschen nicht wirklich kennen, um zu glauben, dass wir ihn kennen.

Zum Weiterlesen: Die Kunst zu wirken von Carolin Lüdemann (Börsenmedien AG, 2011, 205 Seiten, 19,90 Euro)



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