Helfen Reality TV und Coaching Shows beim Aufbau oder bei der Vernichtung einer Existenz?

Eine kritische Auseinandersetzung mit Fernsehproduktionen, Fernsehsendern, Quote, Profit und seriöser Beratung
Stellen Sie sich vor, Sie sind Existenzgründer und bekommen eines Tages, inmitten der unzähligen Vorbereitungen und Erledigungen eine Anruf von einer Fernsehproduktion. Die freundliche Stimme sagt: „Wir haben gehört, Sie wollen sich selbständig machen. Wir drehen ein Film für RTL und möchten Sie bei Ihrer Existenzgründung filmen und begleiten. Was halten Sie davon? Sie werden auch übernacht mit Ihrem Unternehmen deutschlandweit bekannt und brauchen keine Angst zu haben, Ihr Geschäft würde nicht laufen. Das beste, es kostet Sie nichts.“

Das klingt zunächst sehr einladend und verlockend. Kostenlose Werbung im Fernsehen. Da werden die Nachbarn Augen machen und Sie können es endlich alle mal zeigen. Ist das wirklich so oder gibt´s da für den Gründer auch einen Haken. Genau das haben wir versucht herauszufinden und zu recherchieren.

Sehr oft mussten wir in den vergangenen Monaten feststellen, dass das deutsche Fernsehen, insbesondere private und kommerziell ausgerichtete Sender, mit allen Mitteln Existenzgründer suchen, um sie bei ihrer Gründung und ihrem Vorhaben zu begleiten. Dazu wurden und werden vor allem Foren im Internet als Werbeträger genutzt und Werberbanner sowie Anzeigen werden auf Internetseiten oder in Zeitschriften veröffentlicht. Immer wieder wird auch auf telefonischen Weg versucht, potentielle Kandidaten zur Gründung im Fernsehen zu gewinnen.

Alleinstehende Mutter mit drei Kinder bevorzugt

Sehr auffällig bei der ganzen Akquise der Fernsehsender ist das Bestreben, möglichst allein stehende Frauen mit drei oder mehr Kindern in der Selbständigkeit zu begleiten. Sehr positiv werden auch chronische Erkrankungen sowie Hartz IV-Bezieher bewertet. Kurz um, es werden Menschen gesucht, die es bisher im Leben bisher nicht leicht hatten, welche durch die vielen Schicksalsschläge gezeichnet sind und nun einfach die Nase voll haben. Als krönender Abschluss werden dann noch Existenzgründer gesucht, die sich im Handel mit einem neuen Laden in einer mittelgroßen bis großen deutschen Stadt selbstständig machen wollen. Gerade diese Existenzgründungen sind besonders schwer und auch kapitalintensive, da sowohl die Ware, die Ladeneinrichtung, die Renovierung des Verkaufsladens als auch die Miete und sehr häufig die voraus zuzahlenden Mietkaution finanziell vom Existenzgründer geschultert werden müssen.

Das lechzende Publikum wartet auf Fehlentscheidungen, Schicksalsschläge und verkrachte Existenzen

Nach dem eventuell der Laden und auch die ein oder andere Investitionen finanziert wurden, kommt es dann schon mal vor, dass das Geld beim Gründer knapp wird, obwohl längst noch nicht alle Investitionen und Bestellungen bezahlt wurden. Das wird natürlich im Fernsehen sehr emotional gezeigt und dargestellt, was sehr häufig durch viele Wiederholungen beim Drehen der Szene erreicht wird. Nun werden selbstverständlich die Versagensängste  des Protagonisten zusätzlich geschürt, da er ja nun vor laufender Kamera und der Fernsehnation zuhause an der Mattscheibe sich eingestehen muss, dass er zu wenig Geld geplant oder zu großzügig ausgegeben hat. Der Gründer kann sich nun zwischen den lieben Verwandten, mit denen er schon seit einigen Jahren nicht mehr spricht, Freunde oder sogar seiner Hausbank einen potentiellen Kapitalgeber entscheiden, um das letzte Stückchen zum Glück finanziell sicherzustellen. An dieser Stelle ist jedem Menschen klar, dass ein solches Vorhaben auf solchen wackligen finanziellen Beinen nicht lange halten kann. Noch dazu, wenn bereits in den ersten Monaten der Gründung Kredite zu zusätzlichen monatlichen Belastungen führen und keinerlei finanzielle Polster oder Rücklagen vorhanden sind.

Der Zuschauer wird durch das Reality TV zum Unternehmensberater befördert

Warum stellt sich die Frage? Die Antwort ist recht einfach. Der betriebswirtschaftlichen und erfahrene Zuschauer kann sich aufgrund dieser einfachen Situationen, denen von vornherein durchschaubaren Fehlentscheidungen des Existenzgründers sowie allen persönlichen Schicksalsschlägen schnell an fünf Fingern abzählen, dass dieser Existenz zum Scheitern verurteilt oder einfach nur sehr schwer umsetzbar ist. Der Zuschauer wird im Laufe der Sendung in seiner Meinung bestätigt, ja er wird sogar als Sieger aus diesem Rennen hervorgehen. Er behält recht, die Existenzgründung ist in der Regel bereits bei Ausstrahlung der marode und unprofessionell durchgeführt. Dieses Gefühl bestärkt den Zuschauer in seiner Meinung und seinen unternehmerischen Denken. Er wird gerade deswegen beim nächsten Mal wieder einschalten, da er der Meinung ist, seine betriebswirtschaftliche Intelligenz auch in diesem neuen Fall unter Beweis stellen zu müssen.

Wo liegen die Chancen im Reality TV?

Diese Frage lässt sich ganz klar mit dem Wettbewerbsvorteil und dem Werbeeffekt aufgrund der deutschlandweiten Ausstrahlung im Fernsehen beantworten. Ein Auftritt im Fernsehen verschafft dem Existenzgründer auf einem Schlag Aufmerksamkeit, Bekanntheit und somit das Interesse von tausenden potentiellen Kunden in ganz Deutschland. Freilich ist nicht jeder Zuschauer gleichzeitig der spätere Kaufinteressent des Gründers, aber zumindest in einer abgesteckten Regionen, also im Einzugsgebiet des Existenzgründers, ist er nach diesem Fernsehauftritt bekannt wie ein bunter Hund. Der Werbeaufwand kann in diesem Fall durchaus mit mehreren 1000 € beziffert werden, welche der Existenzgründer selbstverständlich spart, da diese Promotion für ihn gratis ist.

Wo liegen die Risiken im Reality TV?

Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen. Ein Mensch kann auf genau zwei Weisen in der Öffentlichkeit auffallen. Zum einen positiv, so dass alle Menschen wohlwollend und lobend über ihn sprechen. Zum anderen aber auch negativ, so dass der Großteil der Zuschauer, insbesondere Bekannte, Verwandte und diejenigen, die im unmittelbaren Umfeld des Existenzgründers wohnen, herablassend über den Gründer und seine "Schnapsidee" sprechen. Damit baut der junge Unternehmer mit dem gewaltigen Instrument des Fernsehens ein nahezu unwiderrufliches negatives Image auf. Dieses Firmenimage wird durch den kurzen Auftritt in den Medien dermaßen stark bei den Zuschauern eingebrannt, dass der künftige Unternehmer eine sehr lange Zeit mit einer negativen Erinnerung verbunden wird. Diesen Stempel bekommt der StartUp so schnell nicht wieder los. Daher sollte vor solch einem Schritt auf jeden Fall geprüft werden, ob nicht auch ein gewisses Risiko für die Existenzgründung und dem neuen Weg im Leben des künftigen Unternehmers besteht und ob der Gründer psychisch in der Lage ist, die Situation zu verarbeiten und für sich positiv auszulegen.

Nicht alle Sender sind gleich

Wir haben zum Beispiel mit der Produktionsfirma des mitteldeutschen Rundfunks gesprochen, welche auch beim Gruenderlexikon.de hinsichtlich möglicher Existenzgründer nachgefragt hat. In der Regel werden von den öffentlich-rechtlichen Sendern keine Zahlungen an den Existenzgründer geleistet. Maximal eine Aufwandsentschädigung für Reisekosten wird gewährt, so hieß es. Das Casting fand in diesem Fall in drei Bundesländern statt und wurde bei der Bundesagentur für Arbeit sowie mit diversen Anzeigen beworben. Aus einer 2 bis 3 stelligen Anzahl von Castingbewerbern wurden genau 12 Kandidaten für die 5-teilige Reihe ausgewählt. Diese werden dann bei der Existenzgründung begleitet und im Fernsehen vorgestellt.
Bei den privaten Sendern läuft das in der Regel etwas kommerzieller ab, so dass hier kleine Geschenke in Form von geplanten Investitionen des Existenzgründers sowie Geldzuwendungen als zusätzliche Entlohnung zum Werbeeffekt ausgeschüttet werden. Der Preis für diesen Einsatz ist der angestrebte enorme Unterschied des emotional geladenen Vorher-Nachher-Bildes des Existenzgründers. In den meisten Fällen, wird eine betriebswirtschaftliche, sozialpädagogische und psychologische Betreuung nicht gegeben, so dass gerade die Zielgruppe der Existenzgründer aus sozialen Brennpunkten doppelt bestraft werden.

Das Fernsehen ist dabei und die Quote stimmt

So lange niemand im Fernsehenteam den Gründern hilft oder sie zumindest vernünftig berät, werden genau die ersehnten Fehlentscheidungen und Anfängerfehler gemacht. Und der Zuschauer zuhause vor den Mattscheiben packt sich an den Kopf und fragt sich: Das kann doch nichts werden. Sind die denn verrückt? oder Haben die keinen Berater? - ja, obwohl der Zuschauer keine Ahnung hat, behält er recht, wenn er sagt: Das geht mit Sicherheit vor den Baum. Und es wird sicher wieder vor den Baum gehen und keiner in Deutschland, der diese Sendung gesehen hat, wird je erfahren, ob der Existenzgründer nach drei oder fünf Jahren immer noch selbstständig ist.

Wie soll nun der Existenzgründer entscheiden?

Sicher ist eine konsequente Ablehnung von derartigen Produktionen falsch. Auch eine bedingungslose Auslieferung ohne vorheriges Nachdenken ist der falsche Weg. Wir empfehlen nach einer Castinganfrage zunächst einen fachkundigen Berater als Vertrauensperson zu konsultieren. Sofern eine gute Vorbereitung hinsichtlich unternehmerischer, persönlicher und emotionaler Fragestellungen möglich ist, spricht nichts gegen eine solche zusätzliche Werbemaßnahme im Fernsehen. Auf keinen Fall sollte sich der Existenzgründer ohne fachmännische Hilfe einem solchen Casting unterziehen und sich auf diese Weise ungewollt zum „Deppen der Nation“ zu machen.

Fazit

Insofern können diese Shows dem Gründer helfen eine solide und existenzsichernde Basis zu schaffen. Wenn er jedoch blind und ohne Überlegung bei einem solchen Casting und den anschließenden Dreharbeiten mitmacht, wird sich der Jungunternehmer mit Sicherheit eher schaden als dabei behilflich zu sein, eine gesicherte Existenz aufzubauen.

Weitere kritische Artikel im Netz zum Thema Reality TV

Reality TV mit Originalmaterial im Internet (Heise.de, Andreas von Bruch, 05.06.1997)

Macht uns das Fernsehen zu besseren Menschen? (stern.de, 06.08.2007

Der Zoff nach dem Dreh: Help-Shows in der Kritik (dwdl.de, Jochen Voß, 09.07.2007)

Wegbereiter des Verfalls? (wienerzeitung.at, Klaus Hofmann, 28.02.2009)

 

Über den Autor

Torsten MontagAnonymous’s avatar

Mein Name ist Torsten, ich bin Chefredakteur auf Gruenderlexikon.de. Als Dipl. Betriebswirt (FH) berate ich bereits seit April 2005 Existenzgründer. Darüber hinaus bin ich zugelassener KfW-Gründungsberater im Schwerpunkt Onlinemarketing.

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